{"id":5909,"date":"2019-11-14T10:55:11","date_gmt":"2019-11-14T08:55:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.md-ra.de\/?p=5909"},"modified":"2019-11-14T14:00:16","modified_gmt":"2019-11-14T12:00:16","slug":"bestandsaufnahme-zum-eugh-urteil-vom-04-07-2019-zur-hoai-ein-ueberblick-zu-moeglichen-konsequenzen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.md-ra.de\/?p=5909","title":{"rendered":"Bestandsaufnahme zum EuGH-Urteil vom 04.07.2019 zur HOAI &#8211; Ein \u00dcberblick zu m\u00f6glichen Konsequenzen"},"content":{"rendered":"<p>Der EuGH hat mit Urteil vom 04.07.2019 erkannt, dass die verbindlichen Mindest- und H\u00f6chsts\u00e4tze f\u00fcr Honorare von Planungsleistungen der Architekten und Ingenieuren in der HOAI gegen die sog. EU-Dienstleistungsrichtlinie versto\u00dfen. Welche honorarrechtlichen Folgen dieses EuGH-Urteil auf bestehende und k\u00fcnftige Vertragsverh\u00e4ltnisse sowie auf laufende und k\u00fcnftige Vergabeverfahren hat, ist nicht verbindlich und in der deutschen Rechtsprechung und baurechtlichen Literatur umstritten. Hier eine \u00dcbersicht der Ansichten und eine Empfehlung zum Umgang mit der Situation:<\/p>\n<p><strong>I. Bereits abgeschlossene Vertr\u00e4ge<\/strong><\/p>\n<p><strong>1. Vertragsabschluss bzw. Abruf der Leistungsstufe vor dem 28.12.2009 (ab diesem Datum ist die sog. EU-Dienstleistungsrichtlinie in Kraft)<\/strong><\/p>\n<p>Wohl\u00a0<u>keine<\/u>\u00a0Auswirkungen:<\/p>\n<p>Mit Urteil vom 04.07.2019 hat der EuGH einen Versto\u00df gegen die EU-Dienstleistungsrichtlinie 2006\/123\/EG vom 12.12.2006 festgestellt. Diese EU-Richtlinie vom 12.12.2006 war von den EU-Mitgliedsstaaten erst zum 28.12.2009 umzusetzen (Art. 44 Abs. 1 der Richtlinie).<\/p>\n<p><strong>2. Vertragsabschluss bzw. Abruf der Leistungsstufe ab dem 28.12.2009 <\/strong><\/p>\n<p><u>a)\u00a0<em>Keine<\/em> schriftliche Honorarvereinbarung\u00a0bei Auftragserteilung i.S.v. \u00a7 7 Abs. 1 HOAI geschlossen<\/u><\/p>\n<p>M\u00f6gliche Auswirkungen:<\/p>\n<p><u>Ansicht I<\/u><\/p>\n<p>Der Auftraggeber schuldet die orts\u00fcbliche Verg\u00fctung nach \u00a7 632 Abs. 2 BGB. Mindests\u00e4tze nach der HOAI k\u00f6nnen dann nicht mehr verlangt werden, wenn der Mindestsatz \u00fcber der orts\u00fcblichen Verg\u00fctung liegt (vgl. LG Bonn, Urteil vom 18.09.2019 \u2013 20 O 299\/16; OLG D\u00fcsseldorf, Urteil vom 17.09.2019 \u2013 23 U 155\/18).<\/p>\n<p><u>Ansicht II<\/u><\/p>\n<p><u>Keine<\/u>\u00a0Auswirkungen. Der Planer hat hiernach Anspruch auf den HOAI-Mindestsatz, weil die EuGH-Entscheidung nicht die Auffangregelung in \u00a7 7 Abs. 5 HOAI (fehlende Schriftform der Honorarabrede bei Auftragserteilung) betrifft (vgl. LG Hamburg, Urteil vom 23.05.2019 \u2013 321 O 288\/17; Fuchs, NZBau 2019, 483).<\/p>\n<p><u>b) Vorliegen einer\u00a0schriftlichen Honorarvereinbarung\u00a0i.S.v. \u00a7 7 Abs. 1 HOAI<\/u><\/p>\n<p><u>aa) Honorarvereinbarung <em>innerhalb<\/em> des Honorarrahmens der HOAI<\/u><\/p>\n<p>Keine\u00a0Auswirkungen; Honorarvereinbarung bleibt wirksam.<\/p>\n<p><u>bb) Honorarvereinbarung\u00a0<em>au\u00dferhalb <\/em>des Honorarrahmens der HOAI (z.\u00a0B. Pauschale unterhalb der Mindests\u00e4tze<\/u>)<\/p>\n<p><strong>&gt;Privater Auftraggeber<\/strong><\/p>\n<p>M\u00f6gliche Auswirkungen:<\/p>\n<p><u>Ansicht I<\/u><\/p>\n<p>Honorarvereinbarung ist\u00a0<u>wirksam<\/u>. Eine Mindestsatzunterschreitung bzw. H\u00f6chstsatz\u00fcberschreitung nach der HOAI kann ab sofort nicht mehr geltend gemacht werden (vgl. LG M\u00fcnchen I, Beschluss vom 24.09.2019 \u2013 5 O 13187\/19; LG Bonn, Urteil vom 18.09.2019 \u2013 20 O 299\/16; OLG D\u00fcsseldorf, Urteil vom 17.09.2019 \u2013 23 U 155\/18; OLG Celle, Urteil vom 14.08.2019 \u2013 14 U 198\/18, Revision beim BGH anh\u00e4ngig \u2013 VII ZR 205\/19; OLG Celle, Urteil vom 23.07.2019 \u2013 14 U 182\/18; OLG Celle, Urteil vom 17.07.2019 \u2013 14 U 188\/18, Nichtzulassungsbeschwerde beim BGH anh\u00e4ngig \u2013 VII ZR 179\/19; LG Dresden, Beschluss vom 08.02.2018 \u2013 6 O 1751\/15; LG Baden-Baden, Beschluss vom 07.05.2019 \u2013 3 O 221\/18).<\/p>\n<p><u>Ansicht II<\/u><\/p>\n<p>Honorarvereinbarung ist\u00a0<u>unwirksam<\/u>. Die Honorarvereinbarung k\u00f6nnte \u2013 wie bisher \u2013 wegen Versto\u00dfes gegen die HOAI unwirksam sein. Das Preisrecht der HOAI ist bis zur Novellierung der HOAI zwischen Privaten weiterhin anzuwenden. Denn nach der EuGH-Rechtsprechung kommt eine sog. unmittelbare\u00a0<u>horizontale<\/u> Direktwirkung einer \u2013 wie hier \u2013 nicht umgesetzten EU-Richtlinie bei Streitigkeiten zwischen Privaten grunds\u00e4tzlich nicht in Betracht (vgl. EuGH, Urteil vom 07.08.2018 \u2013 Rs. C-122\/17). Die HOAI wird hiernach durch Art. 15 der Dienstleistungsrichtlinie bei Streitigkeiten zwischen Privaten nicht verdr\u00e4ngt (vgl. OLG M\u00fcnchen, Beschluss vom 08.10.2019; KG, Beschluss vom 19.08.2019 \u2013 21 U 20\/19 (Dieser Rechtsstreit wurde durch Vergleich erledigt.); OLG Hamm, Urteil vom 23.07.2019 \u2013 21 U 24\/18, Revision beim BGH anh\u00e4ngig \u2013 VII ZR 174\/19; OLG Naumburg, Urteil vom 13.04.2017 \u2013 1 U 48\/11; KG, Urteil vom 01.12.2017 \u2013 21 U <a href=\"x-apple-data-detectors:\/\/20\/\">19\/12<\/a>; LG Stuttgart, Beschluss vom 16.11.2018 \u2013 28 O 375\/17; Landesberufungsgericht f\u00fcr Architekten, Architektinnen, Stadtplaner und Stadtplanerinnen, Beschluss vom 01.08.2018 \u2013 6s E 46\/18; vgl. auch Thode, Anmerkungen zum Urteil OLG Celle vom 14.08.2019 &#8211; 14 U 198\/18, jurisPR-BauR 11\/2019 Anm. 1).<\/p>\n<p><strong>&gt; \u00d6ffentliche Auftraggeber<\/strong><\/p>\n<p>M\u00f6gliche Auswirkungen:<\/p>\n<p><u>Ansicht I<\/u><\/p>\n<p>Honorarvereinbarung ist\u00a0<u>wirksam<\/u>. Eine Mindestsatzunterschreitung (bzw. H\u00f6chstsatz\u00fcberschreitung) nach der HOAI kann aufgrund der sog.\u00a0<u>vertikalen<\/u>\u00a0unmittelbaren Wirkung der EU-Dienstleistungsrichtlinie nicht mehr geltend gemacht werden.<\/p>\n<p><u>Ansicht II<\/u><\/p>\n<p>Honorarvereinbarung ist\u00a0<u>unwirksam<\/u>. Die Bundesrepublik Deutschland soll sich nicht auf ihre eigene EU-Vertragsverletzung \u2013 hier die vers\u00e4umte Abschaffung des verbindlichen Honorarrahmens \u2013 berufen k\u00f6nnen (vgl. EuGH, Urteil vom 19.01.1982 \u2013 Rs. 8\/81). Der Planer kann nach dieser Ansicht weiterhin eine Mindestsatzunterschreitung der HOAI gelten machen.<\/p>\n<p><strong>II. Neue Vertr\u00e4ge bis zur Novellierung der HOAI<\/strong><\/p>\n<p>Es gelten die Anmerkungen zu II.1 analog.<\/p>\n<p><u>Hinweis:<\/u>\u00a0Die HOAI ist nicht als ganzes unionsrechtswidrig! \u00a0Die HOAI-S\u00e4tze k\u00f6nnen als Honorar vereinbart werden. Die HOAI kann nach wie vor zur Definition\/Beschreibung der Leistungspflichten vertraglich in Bezug genommen werden (vgl. diesbez\u00fcglich auch Wortlaut des Par. 650 p Abs. 1 BGB 2018 &#8222;&#8230;nach dem jeweiligen Stand der Planung und Ausf\u00fchrung&#8230; erforderlich&#8230;&#8220;).<\/p>\n<p><u>Empfehlung:<\/u><strong>\u00a0Honorarvereinbarung schlie\u00dfen<\/strong>!<\/p>\n<p>Im Hinblick auf die bestehenden Unsicherheiten sollten die Vertragsparteien jedenfalls bis zur Novellierung der HOAI auf den Abschluss einer Honorarvereinbarung (Vereinbarung der HOAI-S\u00e4tze, Pauschale oder Zeithonorar) achten, die im Hinblick auf \u00a7 7 Abs. 1 HOAI der dort geregelten Schriftform gen\u00fcgt und sp\u00e4testens bei Auftragserteilung abzuschlie\u00dfen ist.<\/p>\n<p><strong>III. Laufende und k\u00fcnftige Vergabeverfahren<\/strong><\/p>\n<p><strong>1. Angebot des Bewerbers\/Bieters innerhalb des Honorarrahmens der HOAI<\/strong><\/p>\n<p>Keine Auswirkungen<\/p>\n<p><strong>2. Angebot des Bewerbers\/Bieters au\u00dferhalb des Honorarrahmens der HOAI<\/strong><\/p>\n<p>Kein Ausschluss des Bewerbers\/Bieters aufgrund des Versto\u00dfes gegen den Mindestsatz der HOAI mehr m\u00f6glich (vgl. VK Bund, Beschluss vom 30.08.2019 \u2013 VK 2-60\/19). Das Angebot ist \u2013 soweit keine anderen Ausschlussgr\u00fcnde vorliegen \u2013 zu werten.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der EuGH hat mit Urteil vom 04.07.2019 erkannt, dass die verbindlichen Mindest- und H\u00f6chsts\u00e4tze f\u00fcr Honorare von Planungsleistungen der Architekten und Ingenieuren in der HOAI gegen die sog. EU-Dienstleistungsrichtlinie versto\u00dfen. 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